Die Ergebnisse zeigen: Digitale sexualisierte Gewalt – auch unter Gleichaltrigen (Peers) – ist ein vielschichtiges Phänomen, dem nur durch das Zusammenspiel von Aufklärung, Prävention, Unterstützung und strukturellen Maßnahmen wirksam begegnet werden kann. Dabei werden Akteurinnen und Akteure aus unterschiedlichen Bereichen einbezogen – darunter Jugendschutz und Jugendhilfe, Medienaufsicht, Wissenschaft, medienpädagogische Praxis, Beratung und Intervention, Anbieter digitaler Dienste sowie Kinder, Jugendliche und ihre Bezugspersonen.
Der Schwerpunkt „Sexuelle Gewalt und Belästigung im digitalen Raum“ ist neben den Themen „Gefährdung der Demokratiefähigkeit“ und „Kontrollverlust in digitalen Umgebungen“ eines von drei zentralen Themenfeldern der ZUKUNFTSWERKSTATT.
Im Mittelpunkt der Veranstaltung standen unter anderem folgende Fragen:
- Welche Formen digitaler sexualisierter Gewalt durch Kinder und Jugendliche lassen sich beobachten?
- Welche Auswirkungen haben aktuelle Entwicklungen digitaler Dienste sowie Künstliche Intelligenz auf das Phänomen?
- Welche Risiken entstehen für Kinder und Jugendliche und ihre persönliche Entwicklung?
- Welche Erfahrungen machen betroffene junge Menschen und welche Unterstützung benötigen sie?
- Welche Ansätze in Prävention und Intervention haben sich bewährt?
- Welche Handlungsbedarfe ergeben sich für den Kinder- und Jugendmedienschutz?
- Welche Kompetenzen und welches Wissen benötigen junge Menschen und deren Bezugspersonen im Umgang mit sexualisierten Grenzüberschreitungen durch sogenannte Peers?
Zentrale Ergebnisse
- Digitale sexualisierte Gewalt ist weit verbreitet und gehört für viele Kinder und Jugendliche zur Lebensrealität. Das Jugendalter gilt als Hochrisikophase für das Erleben sexualisierter Gewalt. Mit Beginn dieser Lebensphase steigt die Wahrscheinlichkeit, entsprechende Erfahrungen zu machen, deutlich an.
- Eine aktuelle Jugendsexualitätsstudie des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (BIÖG) zeigt, dass zwei von drei jungen Menschen bereits digitale sexualisierte Gewalt, sexuelle Belästigung oder sexuelle Beleidigungen erlebt haben. Knapp ein Viertel berichtet von Fällen, in denen intime Bilder oder Videos eingesetzt wurden. In den Fällen, in denen sexualisierte Gewalt mit Körperkontakt erlebt wurde, waren 45 Prozent der ausübenden Personen Jugendliche und weibliche Personen waren doppelt so häufig betroffen wie männliche (40 Prozent zu 19 Prozent).
- Auch Beratungsangebote bestätigen diese Entwicklung. Besonders häufig wenden sich Jugendliche wegen nicht einvernehmlichen Sextings oder sexueller Erpressung (Sextortion) an Beratungsstellen. Die ausübenden Personen stammen sowohl aus dem sozialen Umfeld – beispielsweise aus Schule oder früheren Beziehungen – als auch aus dem Kreis unbekannter Personen.
- Darüber hinaus zeigen Erkenntnisse des Bundeskriminalamts (BKA) aus dem Bundeslagebild Sexualdelikte zum Nachteil von Kindern und Jugendlichen, dass Minderjährige einen hohen Anteil der Tatverdächtigen bei Delikten im Zusammenhang mit sexualisierten Darstellungen von Kindern und Jugendlichen ausmachen. Häufig handelt es sich um junge Menschen, die Inhalte selbst erstellen oder weiterleiten, ohne sich der möglichen strafrechtlichen und psychosozialen Folgen bewusst zu sein.
- Auch das Beobachten sexualisierter Gewalt ist für viele Jugendliche Teil ihrer Lebenswelt. In der SPEAK-Studie gaben 70 Prozent der Jugendlichen an, bereits sexualisierte Gewalt beobachtet zu haben. Die Aussagen beziehen sich auf körperliche und nicht-körperliche Gewalt.
Besondere Herausforderungen im digitalen Raum
- Sexuelles Verhalten junger Menschen bewegt sich in einem Spannungsfeld zwischen selbstbestimmter Sexualität und sexualisierten Grenzverletzungen. Entscheidend sind dabei Freiwilligkeit, gegenseitiges Einverständnis und Respekt gegenüber den Grenzen anderer.
- Fehlen diese Komponenten und ist das Verhalten stattdessen durch Machtmissbrauch, Zwang, Demütigung oder die Weitergabe intimer Inhalte ohne Zustimmung bestimmt, handelt es sich um Formen sexualisierter Gewalt. Gleiches gilt für strafbare Handlungen gegen die sexuelle Selbstbestimmung im Sinne des Strafgesetzbuches, etwa Cybergrooming, sexuelle Erpressung oder Straftaten im Bereich von Missbrauchsdarstellungen.
- Gleichzeitig gibt es Situationen, die schwer eindeutig einzuordnen sind. Dazu gehören beispielsweise Grenzverletzungen aus Unwissenheit, sozialem Druck oder problematischen Gruppendynamiken. Um solche Situationen angemessen zu bewerten, ist die Perspektive der betroffenen jungen Menschen zentral.
- Digitale sexualisierte Gewalt weist besondere Herausforderungen auf: Sie ist allgegenwärtig. Inhalte können dauerhaft gespeichert, vervielfältigt und weiterverbreitet werden. Dadurch können einzelne Vorfälle bereits eine enorme Reichweite entwickeln und zugleich in den eigenen vier Wänden passieren. Gleichzeitig kann die vermeintliche Anonymität im digitalen Raum Hemmschwellen senken und die Aufklärung von Taten erschweren.
- Digitale und analoge Gewalt sind dabei eng miteinander verbunden. Übergriffe aus dem persönlichen Umfeld können sich im digitalen Raum fortsetzen oder verstärken (Stichwort Cybermobbing).
- Eine besondere Herausforderung ist zudem, dass sexualisierte Grenzüberschreitungen jungen Menschen immer häufiger im Alltag begegnen. Für manche gelten etwa „Dick Pics“ als normal, während andere sie als irritierend oder überfordernd empfinden.
- Die Rolle der Peer-Group als zentrale Sozialisationsinstanz ist im Zusammenhang mit sexualisierter Peer-Gewalt komplex. Gruppendynamiken können eine gegenseitige Unterstützung vor sexualisierter Gewalt fördern, aber auch ein problematisches Verhalten bedingen beziehungsweise verstärken.
- Trotz hoher Fallzahlen und Verbreitung ist das Ausmaß des Phänomens häufig nicht bekannt oder wird sogar unterschätzt. Zudem werden etwa 95 Prozent der Vorfälle im Bereich sexualisierter Gewalt nicht angezeigt. Dadurch erreichen notwendige Präventions- und Unterstützungsmaßnahmen viele Betroffene nicht oder nur erschwert.
- Zugleich ist die Hemmschwelle Jugendlicher bei entsprechenden Themen in den Austausch mit Erwachsenen zu treten, sehr hoch (Angst vor sogenanntem „Victim-Blaming“).
Handlungsansätze für Prävention, Unterstützung und Intervention sowie strukturelle Maßnahmen für den Kinder- und Jugendmedienschutz
Im Verlauf der Veranstaltung entwickelten die Teilnehmenden folgende konkreten Forderungen und Ansätze zur Weiterentwicklung des Kinder- und Jugendmedienschutzes:
Prävention stärken
Prävention sollte frühzeitig und ganzheitlich erfolgen. Kinder und Jugendliche müssen über Risiken informiert sein und zeitgleich in ihrer Selbstbestimmung, ihrer Medienkompetenz und ihrem Wissen über Grenzen und Konsens gestärkt werden. Dabei gilt es, sexuelle Bildung, Medienbildung und Gewaltprävention stärker miteinander zu verknüpfen. Hilfreiches Informationsmaterial erhalten Eltern und Fachkräfte beispielsweise von klicksafe oder dem PETZE-Institut für Gewaltprävention.
Wirksame Prävention richtet sich an alle Beteiligten. Neben Betroffenen sollten auch Kinder und Jugendliche erreicht werden, die selbst grenzverletzendes Verhalten zeigen oder zeigen könnten. Hierfür sind erreichbare und gezieltere Angebote erforderlich.
Gleichzeitig benötigen Eltern, Sorgeberechtigte und Fachkräfte Unterstützung, um frühzeitig Gespräche zu führen, Orientierung zu geben und angemessen auf Grenzverletzungen zu reagieren. So können Kinder und Jugendliche ihr Verhalten reflektieren, Ursachen (zum Beispiel Gruppendruck oder gesellschaftliche Erwartungen) erkennen und mögliche Missverständnisse vermeiden. Wichtig ist auch, dass Familien einen offenen Austausch über sexuelle Themen fördern, klare Grenzen vor der Mediennutzung festlegen und Erwachsene als vertrauenswürdige Ansprech- und Vertrauenspersonen zur Verfügung stehen, ohne dabei zu bestrafen oder Schuldzuweisungen vorzunehmen.
Auch die Rolle von Bystanderinnen und Bystandern (Beobachtenden) sollte stärker berücksichtigt werden. Gleichaltrige können Grenzverletzungen verhindern, Betroffene unterstützen und zu einem respektvollen Miteinander beitragen. Präventionsangebote sollten diese Handlungskompetenzen gezielt fördern.
Präventionsprojekte wie PreWorks stärken Jugendliche durch frühzeitige, lebensweltorientierte Bildung zu Grenzen, Konsens und respektvollen Beziehungen. Das Programm vereint sexuelle Bildung, Medienbildung und Gewaltprävention. Fachkräfte erhalten dabei Hintergrundwissen und Hilfestellungen für herausfordernde Situationen.
Unterstützung und Intervention ausbauen
Niedrigschwellige Beratungsangebote sind häufig die erste Anlaufstelle für betroffene Kinder und Jugendliche. Peer-to-Peer-Angebote wie JUUUPORT oder die Nummer gegen Kummer stellen eine anonyme Beratung auf Augenhöhe sicher und übernehmen eine wichtige Lotsenfunktion zu spezialisierten Hilfsangeboten. Gleichzeitig bestehen weiterhin Versorgungslücken, insbesondere in ländlichen Regionen.
Darüber hinaus braucht es einen leichteren Zugang zu rechtlicher Beratung, mehr Unterstützung für Fachkräfte und verbindliche Qualitätsstandards. Dies könnte beispielsweise über besseres Informationsmaterial oder den Ausbau von Kooperationen erreicht werden.
Auch Angebote für Kinder und Jugendliche, die selbst grenzverletzendes Verhalten zeigen, sind notwendig, um frühzeitig Unterstützung und Verhaltensänderungen zu ermöglichen. Das Interventions- und Präventionsprojekt #180grad setzt hier an und richtet sich primär an 14- bis 21-Jährige mit devianten sexuellen Neigungen oder Verhaltensweisen. Neben ausreichenden Angeboten und Therapieplätzen ist ein Ergebnis der Veranstaltung, dass es zudem eine höhere Bereitschaft von Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten braucht, mit grenzverletzenden Personen zu arbeiten.
Strukturelle Maßnahmen prüfen
Ein wirksamer Kinder- und Jugendmedienschutz setzt das Zusammenwirken aller beteiligten Akteurinnen und Akteure voraus.
Anbieter digitaler Dienste sollten Melde- und Beschwerdewege inklusive verbesserter Rückmeldesysteme niedrigschwelliger gestalten, Betroffene und Ausübende besser über Beratungs- und Hilfsangebote informieren und wirksam gegen die Verbreitung sexualisierter Inhalte vorgehen. Werden sexualisierter Gewalt-Inhalte veröffentlicht, müssen Anbieter schneller tätig werden und angemessen moderieren sowie die Inhalte zeitnah prüfen.
Zugleich braucht es eine langfristige (finanzielle) Sicherung und bessere Vernetzung bestehender Präventions- und Unterstützungsangebote sowie mehr Forschung zu Ursachen, Verbreitung und wirksamen Maßnahmen. Das Thema digitale sexualisierte Peer-Gewalt sollte darüber hinaus stärker in der Aus- und Fortbildung von Fach- und Lehrkräften sowie in der außerschulischen Bildungsarbeit verankert werden. Der gesellschaftliche Diskurs über Geschlechterrollen, digitale sexualisierte Gewalt und den Schutz junger Menschen sollte unter Einbeziehung von Kindern, Jugendlichen und Betroffenen kontinuierlich weitergeführt werden.
Über die ZUKUNFTSWERKSTATT
Mit dem Diskursformat ZUKUNFTSWERKSTATT bringt die BzKJ Akteurinnen und Akteure der Verantwortungsgemeinschaft für ein gutes Aufwachsen mit Medien gemäß § 17a Absatz 2 Nummer 1 Jugendschutzgesetz (JuSchG) zusammen. Ziel ist es, aktuelle Herausforderungen des Kinder- und Jugendmedienschutzes gemeinsam zu diskutieren, Wissen zu bündeln und Impulse für dessen Weiterentwicklung zu entwickeln.